Öffnung und Führung Jüdischen Friedhof Wankheim am 1. November 2026
Menschen, Schicksale, Verfolgung – Jüdisches Leben und
die Reichspogromnacht 1938
Anlässlich des Gedenkens zum 9. November 1938 lädt der Förderverein für jüdische Kultur in Tübingen und Reutlingen e.V. am Sonntag, 1. November, um 15 Uhr zu einer Führung auf dem jüdischen Friedhof in Wankheim ein. Der Friedhof ist zwischen 14 und 16 Uhr geöffnet.
Im Mittelpunkt stehen die Lebenswege und Schicksale von Tübinger und Reutlinger Jüdinnen und Juden. Anhand ausgewählter Grabsteine und biografischer Zeugnisse wird sichtbar, wie vielfältig jüdisches Leben in der Region war und wie dieses Leben durch die nationalsozialistische Verfolgung zerstört wurde.
Besonders erinnert wird an Albert Schäfer und seine Familie. Der 1878 geborene Kaufmann kam 1911 nach Tübingen und führte gemeinsam mit seinem Schwager Jakob Oppenheim das angesehene Konfektionshaus „Eduard Degginger Nachfolger“ in bester Tübinger Altstadtlage direkt am Holzmarkt. Mit dem Boykott jüdischer Geschäfte, der Entrechtung und der zunehmenden Ausgrenzung wurde auch seine berufliche und persönliche Existenz zerstört.
Am Morgen nach der Reichspogromnacht wurde Albert Schäfer verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Nach seiner Freilassung Ende November 1938 war er körperlich und seelisch schwer gezeichnet. Albert Schäfer starb am 4. Mai 1941 in Tübingen an den Folgen der Haft. Sein Grab auf dem jüdischen Friedhof in Wankheim erinnert bis heute an sein Schicksal und das seiner Familie. Seine Frau Selma überlebte ihren Mann nur kurz. Sie wurde nach Riga deportiert. Am 26. März 1942 fiel sie dort höchst wahrscheinlich einem Massaker zum Opfer. Sie hat kein Grab an der Seite ihres Mannes, aber ihr Name steht auf dem Gedenkstein für die ermordeten Juden aus Tübingen, den Victor Marx nach dem Krieg auf dem Wankheimer Friedhof aufstellen ließ. Nur den beiden Töchtern Herta und Liselotte emigrierten rechtzeitig und überlebten dadurch.
Albert Schäfer steht beispielhaft für die Gewalt, der jüdische Tübingerinnen und Tübinger ausgesetzt waren: für Verhaftung, Verschleppung, Misshandlung und den Verlust von Heimat, Sicherheit und Zukunft. Zugleich verweist sein Grab auf diejenigen, die keine Grabstätte erhielten, weil sie deportiert und ermordet wurden.
Die Führung lädt dazu ein, den Menschen und Lebensgeschichten von Jüdinnen und Juden aus der Region nachzugehen, ihrer zu gedenken und gemeinsam danach zu fragen, welche Verantwortung daraus für die Erinnerungskultur der Gegenwart erwächst.
Bitte denken Sie an wetterfeste Kleidung und festes Schuhwerk. Männer werden gebeten, eine Kopfbedeckung zu tragen.
Es ist keine Anmeldung erforderlich.

